Erkenntnisse aus Coaching, Mediation und Paarberatung
Von Mhochx – Coaching, Mediation & Paarberatung
Es gibt einen Satz von Fritz Perls, dem Begründer der Gestalttherapie, der mich seit Jahren begleitet:
Keine tausend leere Gesichter machen einen voll.
Echte Fülle entsteht nicht durch Masse. Nicht durch hundert oberflächliche Gespräche, nicht durch tausend Ja-Sager. Sondern durch Tiefe. Durch echten Kontakt – mit sich selbst und mit anderen.
Das klingt einfach. Ist es nicht.
In meiner täglichen Arbeit als Coach, Mediatorin und Paarberaterin erlebe ich, wie schwer genau das fällt. Und warum.
In diesem Artikel teile ich die Erkenntnisse, die meine Arbeit am stärksten prägen – und was sie für deinen Alltag, deine Führungsrolle und deine Beziehungen bedeuten.
Die meisten Menschen wollen gar nicht wirklich wachsen. Sie wollen, dass es aufhört wehzutun.
Das ist ein Unterschied.
Perls beobachtete: Die wenigsten gehen in Therapie oder Coaching, um wirklich etwas zu verändern. Sie gehen, um mit ihrer Situation besser zurechtzukommen. Um Halt zu bekommen. Um den Schmerz erträglicher zu machen – nicht um ihn zu verstehen.
Ich erlebe das häufig.
Die Führungskraft, die wissen möchte, wie sie ihr Team besser kontrollieren kann – statt zu verstehen, warum sie Kontrolle so dringend braucht.
Das Paar, das Kommunikationstechniken sucht – aber nicht bereit ist anzuschauen, was wirklich nicht stimmt.
Der Mitarbeiter, der sich fragt, warum er nie befördert wird – aber jeden mutigen Schritt mit inneren Katastrophenszenarien abbricht, bevor er ihn geht.
Perls nannte diese inneren Bremsen Katastrophenerwartungen. Diese leisen, vertrauten Sätze:
„Die werden mich auslachen.“
„Das wird sowieso scheitern.“
„Ich bin nicht gut genug dafür.“
Weil sie so vertraut sind, halten wir sie für Realität. Dabei sind es meist alte Schutzstrategien – die irgendwann sinnvoll waren, heute aber blockieren.
Der entscheidende Moment in meiner Arbeit ist der, in dem jemand merkt: Nicht die äußere Situation ist das Problem. Sondern die innere Geschichte darüber.
Dein innerer Kritiker ist kein Motivator. Er ist dein größtes Hindernis.
Perls beschrieb zwei innere Stimmen, die sich in uns permanent bekriegen – Topdog und Underdog.
Der Topdog sagt: „Du musst! Du solltest! Du darfst nicht!“ Der Underdog antwortet: „Ja, aber… ich kann nicht… irgendwie klappt das nie…“
Und während die beiden kämpfen? Passiert – nichts.
Ich sehe dieses Muster in Teams, in Führungsetagen und in Paarbeziehungen gleichermaßen. Die Führungskraft, die sich für jede Entscheidung innerlich geißelt. Das Paar, das sich gegenseitig mit unausgesprochenen Erwartungen erdrückt. Das Team, das in Perfektionismus erstarrt statt in Bewegung zu kommen.
Was wirklich hilft: Nicht den Topdog zum Schweigen bringen. Nicht dem Underdog nachgeben. Sondern beide Stimmen hören. Verstehen, woher sie kommen. Und dann bewusst wählen, wie du handelst.
Wachstum braucht keine Selbstgeißelung. Es braucht Ehrlichkeit. Kontakt. Und den Mut, mit sich selbst wirklich in Beziehung zu gehen.
Charakter klingt nach etwas Positivem. In der Gestaltarbeit ist er oft das Gegenteil.
Perls beschreibt Charakter als eine Sammlung festgelegter Antworten. Immer dieselben Reaktionen. Immer dieselben Muster. Vorhersagbar – nach innen wie nach außen.
Und je mehr Charakter ein Mensch hat, desto weniger Möglichkeiten hat er. Das hat mich beim ersten Lesen provoziert. Beim zweiten hat es mir eingeleuchtet.
Die Führungskraft, die in jeder Konfliktsituation dichtmacht – weil sie das schon als Kind gelernt hat. Damals war es Schutz. Heute verhindert es jedes echte Gespräch.
Der Mitarbeiter, der bei jeder Kritik sofort rechtfertigt – reflexartig, ohne nachzudenken. Das Muster sitzt so tief, dass er gar nicht mehr merkt, dass er es tut.
Das Paar, das denselben Streit seit Jahren führt – mit denselben Sätzen, denselben Vorwürfen, demselben Ausgang. Nicht weil sie einander nicht lieben. Sondern weil beide in ihren festgefahrenen Rollen gefangen sind.
Was ich in meiner Arbeit tue: Ich mache diese Muster sichtbar. Nicht um sie zu verurteilen – sie hatten alle irgendwann einen guten Grund. Sondern um die Frage zu stellen: Dient dir das heute noch?
Was du siehst, kannst du verändern. Was du nicht siehst, steuert dich.
Ihr redet seit Monaten miteinander. Und kommt euch trotzdem nicht näher.
Das kenne ich aus der Mediation.
Zwei Menschen – Kollegen, Chef und Mitarbeiter, manchmal Paare – die eigentlich alle Gespräche geführt haben, die man führen kann. Und trotzdem sitzt da diese Wand.
Meistens liegt es nicht daran, dass jemand böswillig ist oder nicht reden will. Sondern daran, dass irgendwann aufgehört wurde, wirklich hinzuhören.
Man hört stattdessen auf das alte Bild vom anderen. Auf die Enttäuschung von damals. Auf das, was man ohnehin schon zu wissen glaubt.
Perls beschreibt diesen Zwischenraum präzise: Zwischen dir und deinem Gegenüber baut sich eine Welt auf – aus Vorurteilen, Annahmen, unausgesprochenen Verletzungen. Und solange diese Zwischenwelt nicht aufgeräumt wird, reden Menschen nicht miteinander. Sie reden mit dem Bild, das sie voneinander haben.
Was ich in solchen Momenten tue: Ich lenke die Aufmerksamkeit weg vom Inhalt – hin zu dem, was gerade zwischen den Menschen wirklich passiert.
Was ist spürbar, aber unausgesprochen? Was verändert sich im Ton, in der Haltung, im Tempo?
Oft liegt die Lösung nicht im Inhalt des Konflikts. Sie liegt in dem, was zwischen den Menschen noch nicht angekommen ist.
Was dich an anderen am meisten stört, sagt mehr über dich als über sie.
Das ist unbequem. Ich weiß.
Perls beschreibt Projektion als einen der zentralen Mechanismen, durch den wir uns von uns selbst entfremden. Wir spalten Teile von uns ab – Eigenschaften, Bedürfnisse, Impulse, die wir nicht akzeptieren können – und sehen sie plötzlich überall im Außen.
Im Arbeitsalltag klingt das so:
„Mein Kollege ist so unglaublich dominant – das macht mich wahnsinnig.“ Die eigentliche Frage wäre: Wo darf ich selbst nicht dominant sein?
„Meine Mitarbeiterin ist so emotional – das ist unprofessionell.“ Die eigentliche Frage wäre: Was tue ich mit meinen eigenen Emotionen?
„Mein Partner ist so distanziert – er lässt mich nie wirklich ran.“ Die eigentliche Frage wäre: Wie nah lasse ich selbst jemanden wirklich an mich heran?
In der Paarberatung ist das eines der wirksamsten Werkzeuge, die ich kenne. Nicht um jemandem zu sagen: „Das bist eigentlich du.“ Sondern um die Frage zu öffnen: Was in dir reagiert da so stark?
Die stärksten Reaktionen auf andere – Ärger, Verachtung, Bewunderung – sind fast immer Hinweise. Auf abgespaltene Stärken. Auf unterdrückte Bedürfnisse. Auf Teile von sich selbst, die noch keinen Platz haben.
Schuldgefühle sind meistens kein Zeichen von Verantwortung. Sie sind aufgestauter Ärger – nach innen gerichtet.
Wenn jemand zu mir kommt und sagt „Ich fühle mich so schuldig“ – dann frage ich irgendwann: Auf wen bist du eigentlich wütend?
Oft folgt Stille. Dann Erkenntnis.
Perls formulierte es klar: Unausgedrückter Ärger wird entweder als Schuldgefühl erfahren – oder verwandelt sich in eines.
Die Mitarbeiterin, die sich schuldig fühlt, weil sie kündigen möchte – und dabei merkt, dass sie eigentlich wütend ist auf einen Chef, der ihre Arbeit seit Jahren nicht wertgeschätzt hat.
Der Partner, der seinem Gegenüber die Schuld gibt, wenn er sich schlecht fühlt – und dabei nie fragt, was er selbst dazu beiträgt, dass die Beziehung sich so anfühlt wie sie sich anfühlt.
Schuldgefühle kleinzureden hilft nicht. Aber die Frage darunter zu stellen – was wurde hier nie ausgesprochen, was wurde nie eingefordert – das öffnet etwas.
Denn oft steckt hinter dem Schuldgefühl kein moralisches Versagen. Sondern ein unerfülltes Bedürfnis, das endlich gehört werden möchte.
Verstehen und Erklären sind nicht dasselbe. Wir verwechseln beides ständig.
Menschen kommen ins Coaching oder in die Mediation und erklären. Ausführlich. Präzise. Intelligent.
Sie erklären, warum der Kollege so ist wie er ist. Warum die Beziehung sich so entwickelt hat. Warum sie selbst nicht anders können.
Und dann schauen sie mich an – und warten darauf, dass sich etwas verändert. Tut es nicht.
Denn Erklären gibt uns das Gefühl von Kontrolle. Es schafft Distanz zu dem, was wirklich passiert. Es ist eine sehr raffinierte Form, dem eigentlichen Erleben auszuweichen.
Verstehen ist etwas anderes. Es passiert nicht im Kopf. Es passiert in dem Moment, in dem jemand etwas wirklich fühlt, wirklich sieht, wirklich berührt wird von dem, was er gerade erlebt.
Wie das in der Praxis aussieht: Ich unterbreche manchmal mitten in einer langen Erklärung und frage:
„Was spürst du gerade – genau jetzt, während du das erzählst?“
Oft folgt Stille. Manchmal Irritation. Und dann – manchmal – ein Moment echter Erkenntnis. Kein Konzept. Kein Modell. Sondern ein schlichtes: „Ah. Jetzt verstehe ich.“
Das ist der Moment, in dem Coaching, Mediation und Beratung wirklich wirken.
Reife bedeutet nicht, keine Unterstützung mehr zu brauchen. Es bedeutet, sich selbst tragen zu können.
Perls beschreibt Reife als einen konkreten Prozess: die schrittweise Umwandlung von Unterstützung durch die Umwelt hin zu Selbstständigkeit.
Viele Menschen – in Beziehungen, in Teams, in Führungsrollen – bleiben an einem Punkt stecken. Nicht weil sie nicht könnten. Sondern weil das Muster der Abhängigkeit so vertraut ist, dass es sich wie Sicherheit anfühlt.
Die Mitarbeiterin, die bei jeder Entscheidung Bestätigung braucht – und dabei längst weiß, was die richtige Wahl wäre.
Der Partner, der seinem Gegenüber die Schuld gibt, wenn er sich schlecht fühlt – und dabei nie fragt, was er selbst dazu beiträgt.
Das Team, das auf klare Ansagen wartet – und dabei verlernt hat, selbst zu denken.
Perls schrieb: Der Mensch lebt im Durchschnitt nur 5 bis 15 Prozent seines tatsächlichen Potenzials. Nicht weil mehr nicht möglich wäre. Sondern weil niemand je zugelassen hat – oder gezeigt hat – dass da noch so viel mehr ist.
Meine Arbeit bedeutet an diesem Punkt: Ich bin nicht dafür da, Antworten zu geben. Ich bin dafür da, den Raum so zu gestalten, dass jemand merkt: Die Kraft, die er sucht, ist bereits in ihm vorhanden.
Bevor jemand wirklich er selbst sein kann, muss er durch etwas durch, das sich anfühlt wie ein freier Fall.
Das ist der Moment, den die meisten abbrechen.
Perls beschreibt einen Weg, den jeder Mensch gehen muss, der sich wirklich verändern will:
Wir beginnen an der Oberfläche. Mit Klischees. Höflichkeit. „Alles gut.“ Das kostet nichts – und bringt nichts.
Darunter liegt die Schicht der Rollen. Der brave Mitarbeiter. Die starke Führungskraft. Der verständnisvolle Partner. Diese Rollen funktionieren – nach außen. Aber sie erschöpfen. Weil sie nicht echt sind.
Wenn diese Rollen wegfallen – kommt zunächst nichts Schönes. Es kommt Leere. Das Gefühl: Wenn ich nicht mehr diese Rolle bin – wer bin ich dann?
Das ist der Punkt, an dem die meisten abbrechen. Zurück in die Rolle. Zurück ins Bekannte.
Ich begleite Menschen durch diesen Punkt hindurch. Nicht indem ich ihn wegrede. Sondern indem ich aushalte – gemeinsam mit dem Menschen, der gerade nicht weiß, wer er ist.
Weil auf der anderen Seite etwas wartet, das Perls Explosion nennt: echte Energie. Echtes Lachen. Echter Ärger. Echte Trauer. Echtes Leben.
In der Paarberatung ist das der Moment, in dem zwei Menschen aufhören, ihre Rollen miteinander zu spielen – und sich zum ersten Mal wirklich begegnen.
In der Führungsarbeit ist das der Moment, in dem jemand aufhört, die Erwartungen anderer zu managen – und anfängt, aus sich selbst heraus zu führen.
Es ist kein angenehmer Weg. Aber es ist der einzige, der wirklich irgendwohin führt.
Was das alles verbindet
Ob im Coaching, in der Mediation oder in der Paarberatung – der Kern ist immer derselbe:
Echte Veränderung beginnt nicht mit neuen Techniken. Sie beginnt mit ehrlichem Hinschauen. Auf sich selbst. Auf den anderen. Auf das, was zwischen uns passiert.
Das braucht Mut. Manchmal Unbequemlichkeit. Und immer die Bereitschaft, kurz innezuhalten – statt weiterzufunktionieren.
Wenn du das Gefühl hast, dass in deiner Führungsrolle, deinem Team oder deiner Beziehung etwas feststeckt – melde dich. Nicht weil etwas kaputt ist. Sondern weil manche Wege sich leichter gehen lassen, wenn jemand mitgeht.
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Freundliche Grüße von
Menexia Kladoura und dem ganzen Team von M hoch x


