Blinde Flecken in Führung & Coaching

Projektionen, blinde Flecken, Gefühle als Kompass: Was Gestalt-Coaching über Führung und Beziehungen verrät – praxisnah erklärt.

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Blinde Flecken in Führung & Coaching

Was uns an anderen stört, gehört oft uns selbst

 

Kategorie: Persönlichkeitsentwicklung & Coaching | Lesezeit: ca. 11 Minuten
Tags: blinde Flecken Führung Coaching, Projektion, Selbstwahrnehmung, Führungspersönlichkeit, Gestalt-Coaching, Gefühle im Beruf, Persönlichkeitsentwicklung, Beziehungsmuster


 

Es gibt diesen einen Kollegen, der dich wahnsinnig macht. Vielleicht ist er zu laut, zu dominant, zu unstrukturiert. Oder die Mitarbeiterin, die immer ausweicht, wenn es ernst wird. Oder der Partner, der nie klar sagt, was er will.

Die erste Reaktion: Das Problem liegt bei denen.

 

Die unbequemere Frage – die, die wirklich weiterführt: Was hat das mit mir zu tun?

 

Blinde Flecken in Führung und Coaching sind kein Randthema. Sie sind der Kern vieler Konflikte, Kommunikationsprobleme und festgefahrener Beziehungsmuster – im Team, in der Partnerschaft, im eigenen Kopf. Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie, hatte dafür eine radikale Grundannahme: Alles, was wir in anderen zu sehen glauben, was uns stört, bewundert oder abstößt, ist zu einem großen Teil eine Projektion – ein Teil von uns selbst, den wir nach außen verlagert haben.

 

Das klingt erst mal wie eine Zumutung. Und es ist eine – im besten Sinne.


 

Was ist eine Projektion – und was hat das mit blinden Flecken in der Führung zu tun?

 

Eine Projektion entsteht, wenn wir Eigenschaften, Impulse oder Gefühle, die in uns vorhanden sind, aber aus verschiedenen Gründen nicht angenommen werden können, auf andere Menschen übertragen.

 

Klassische Beispiele aus dem Führungsalltag:

  • Die Führungskraft, die andere als „zu emotional“ kritisiert – und selbst kaum merkt, wie viel unterdrückte Wut sie mit sich trägt.
  • Die Teamleiterin, die ihre Mitarbeiterin als „zu ehrgeizig“ empfindet – während der eigene Ehrgeiz schon lange begraben wurde, weil er früher als unangemessen galt.
  • Der Manager, der andere als „unzuverlässig“ bezeichnet – und selbst ständig Zusagen macht, die er nicht hält.

Perls formulierte es so: Wir machen uns blind und taub für das, was wirklich geschieht. Unsere Sinne sind besetzt – nicht mit der Realität, sondern mit dem, was wir zu sehen glauben.

 

Das ist kein Charakterfehler. Es ist ein Schutzmechanismus. Aber ein teurer. Und es ist der Ursprung der meisten blinden Flecken, die Führungskräfte im Coaching als erstes entdecken.


 

Das Prokrustes-Problem: Wenn wir die Realität in unser Modell zwingen

 

Eng verwandt mit der Projektion ist ein weiteres Muster, das Perls das Anpass-Spielchen nannte – und das in Führung und Organisationen besonders verbreitet ist.

 

Es gibt zwei Richtungen, wie wir mit Wirklichkeit umgehen können:

Variante 1: Wir schauen wirklich hin und passen unsere Theorien, Erwartungen und Annahmen an das an, was tatsächlich da ist.

Variante 2: Wir haben ein fertiges Konzept – eine Überzeugung über unser Team, unsere Partnerschaft, unsere Organisation – und zwingen die Realität in dieses Modell hinein. Wie Prokrustes, der seinen Gästen die Beine streckte oder abschnitt, damit sie ins Bett passten.

 

Erkennst du Variante 2 im Alltag?

  • „Ich weiß, wie mein Team tickt“ – und hörst deshalb nicht mehr hin, wenn jemand Neues kommt.
  • „Konflikte entstehen immer, wenn…“ – und siehst damit blind für andere Ursachen.
  • „So bin ich halt“ – und nimmst dich selbst damit aus der Verantwortung für Veränderung.

Das Problem mit dem Prokrustes-Modell: Eine Theorie, ein Konzept, eine Überzeugung ist immer nur ein Aspekt der Wirklichkeit – niemals die Wirklichkeit selbst. Wer das verwechselt, verliert den Kontakt zur echten Situation.

 

Im Führungscoaching ist das Aufdecken solcher blinden Flecken eine der häufigsten – und wirksamsten – Aufgaben.


 

Die Spiegelträger: Ein klassischer blinder Fleck in der Führung

 

Perls beschrieb einen bestimmten Typ Mensch mit einem treffenden Begriff: den Spiegelbildträger.

 

Das sind Menschen, die ihr eigenes Spiegelbild durch die Welt tragen und andere nur als Reflexionsfläche benutzen. Sie schauen – aber sie sehen nicht wirklich. Sie hören – aber sie empfangen nicht wirklich.

 

In Führungsbeziehungen ist das fatal.

Wer in Gesprächen mit Mitarbeitenden nur das eigene Bild bestätigt sehen möchte, wer Feedback als Bedrohung erlebt und Anderssein als Störung – der führt letztlich sich selbst, nicht Menschen.

 

Echter Kontakt setzt voraus, den anderen tatsächlich wahrzunehmen – mit seinen Stärken, Eigenheiten, Bedürfnissen. Nicht als Projektion, nicht als Spiegelfläche.

 

Was das konkret bedeutet und wie es sich im Teamkontext äußert, beschreibe ich ausführlicher im Artikel zu Teamkonflikten und stiller Eskalation.


 

Projektionen zurücknehmen: Der Weg zur Ganzheit

 

Die gute Nachricht: Projektionen lassen sich zurücknehmen. Und das ist keine Schwäche – es ist einer der mutigsten Schritte, den ein Mensch gehen kann.

 

Perls beschrieb dafür eine ungewöhnliche, aber wirkungsvolle Methode: totale Identifikation. Im Zen ist es einem Schüler nicht erlaubt, auch nur einen einzigen Zweig zu malen, ehe er nicht dieser Zweig geworden ist. Echtes Verstehen kommt nicht durch Analyse – es kommt durch Einfühlung, durch wirkliches Hineingehen.

 

Im Coaching und in der Team-Mediation arbeiten wir mit diesem Prinzip: Wenn du in die Rolle des anderen trittst – wirklich, nicht nur theoretisch –, verändert sich deine Wahrnehmung der Situation grundlegend. Du erkennst: Das, was du dort siehst, ist auch in dir vorhanden. Vielleicht verschüttet. Vielleicht verdrängt. Aber vorhanden.

 

Die Reintegration dieser abgespaltenen Anteile – das ist, was Perls als den Weg zur Persönlichkeitsganzheit beschrieb. Und es ist auch der Weg zu tieferer Führungskompetenz.

 

Einen verwandten Ansatz verfolge ich mit NARM Coaching: Überlebensstrategien, die früh erlernt wurden und uns heute im Weg stehen, werden sichtbar – und dürfen sich verändern.


 

Träume als Spiegel: Jeder Teil gehört dir

 

Eines der faszinierendsten Konzepte der Gestaltarbeit betrifft den Traum – und es hat direkten Bezug zu Führung und Selbstwahrnehmung.

 

Perls war überzeugt: Jeder Teil eines Traums ist ein Teil der träumenden Person.

 

Die bedrohliche Figur im Traum? Du selbst. Die leere Landschaft? Du selbst. Der austrocknende See? Du selbst.

Das klingt abstrakt. Es hat aber eine sehr konkrete Konsequenz: Was wir träumen – und was wir im Wachzustand an anderen Menschen oder Situationen besonders stark wahrnehmen – gibt uns Hinweise auf Anteile unserer Persönlichkeit, die noch nicht integriert sind. Potenzial, das noch nicht gelebt wird. Energie, die noch nicht fließt.

 

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Frau träumt von einer Spinne, die auf ihr herumkrabbelt. Sie empfindet Ekel, Angst – und ein tiefes Gefühl von Hilflosigkeit. Im Coaching wird die Spinne nicht analysiert oder interpretiert. Stattdessen wird sie zur Spinne – spricht als Spinne, nimmt die Perspektive der Spinne ein.

 

Was kommt zum Vorschein? Aggressivität. Ausdauer. Die Fähigkeit, komplexe Netze zu bauen. Eigenschaften, die die Frau an sich selbst nie zugelassen hatte – weil sie gelernt hatte, „brav“ zu sein.

 

Das ist keine Therapie-Kuriositätenkabinett-Geschichte. Das ist ein Muster, das sich täglich in Führungsverhalten und Beziehungsdynamiken widerspiegelt.


 

Die fruchtbare Leere: Was passiert, wenn wir aufhören zu kämpfen

 

Es gibt Momente im Coaching – und im Leben – wo plötzlich nichts mehr da zu sein scheint. Der nächste Schritt ist unklar. Die alte Strategie greift nicht mehr. Das vertraute Selbstbild löst sich auf.

Die westliche Reaktion darauf: Panik. Füllen. Weitermachen.

 

Perls beschrieb dagegen eine andere Möglichkeit – inspiriert von östlichen Philosophien: die fruchtbare Leere.

 

Im Unterschied zur toten Leere – dem Loch, das man um jeden Preis vermeiden will – ist die fruchtbare Leere ein Zustand des Offenseins. Wenn wir aufhören, die Leere zu bekämpfen, und anfangen, sie anzunehmen, beginnt etwas zu wachsen. Das leere Feld wird lebendig.

 

Das klingt poetisch. Es hat aber sehr praktische Konsequenzen:

 

Für Führungskräfte bedeutet das: Die Momente der Unsicherheit, des Nicht-Wissens, des „Ich habe gerade keine Antwort“ sind keine Niederlagen. Sie sind Übergänge. Und wer lernt, in diesen Übergängen zu stehen, ohne sofort zu füllen, entwickelt eine Führungsqualität, die selten ist: echte Präsenz in Unsicherheit.

 

Für Beziehungen gilt Ähnliches: Paare, die jeden Konflikt sofort lösen müssen, verhindern oft genau den Raum, in dem echte Begegnung erst möglich wird. Mehr dazu auf paarbeziehung-im-fokus.de.


 

Gefühle sind kein Störfaktor – sie sind der Kompass

 

Eine der häufigsten Fehlannahmen in professionellen Kontexten: Gefühle stören die Arbeit. Wer emotional reagiert, ist unprofessionell. Wer Distanz hält, führt besser.

 

Perls war da anderer Meinung – und die Neurobiologie gibt ihm heute recht.

 

Er beschrieb Gefühle als die wichtigsten Antriebskräfte unseres Verhaltens: die ursprüngliche Lebensenergie, die sich im Organismus differenziert. Wut, Angst, Trauer, Freude, Sehnsucht – das sind keine Störsignale. Das sind Informationen.

 

Jedes Gefühl drückt sich im Muskelsystem aus. Wut ohne körperliche Bewegung ist undenkbar – sie sitzt in den Schultern, den Kiefern, dem Atem. Trauer sucht sich den Weg durch Weinen und Schluchzen. Unterdrückte Gefühle verschwinden nicht. Sie wandern – in Körpersymptome, in passiv-aggressive Kommunikation, in chronische Erschöpfung.

 

Was das für Führungskräfte bedeutet: Wer den eigenen Gefühlen keine Aufmerksamkeit schenkt, verliert langfristig den Zugang zu einem seiner wichtigsten Informationssysteme.

 

Das zeigt sich konkret:

  • Der Ärger nach einem Meeting, der „eigentlich nichts bedeutet“ – und trotzdem drei Tage nachhallt.
  • Die Freude an einem Projekt, die man sich nicht erlaubt zu zeigen – und die langsam verblasst.
  • Das Unbehagen bei einer Entscheidung, das man wegschiebt – und das sich später als berechtigte Intuition herausstellt.

Gefühle wahrnehmen, benennen und als Information nutzen – das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist eine Kernkompetenz der Führung. Wie aktuelle Studien zur Führungskompetenz 2025+ bestätigen: emotionale Selbstwahrnehmung gehört zu den gefragtesten Fähigkeiten überhaupt.


 

Der gesunde Rückzug: Stärke holen, um zu geben

 

Perls beschrieb anhand des griechischen Mythos von Antaios eine tiefe Wahrheit über menschliche Energie: Antaios, der Riese, gewann seine Kräfte zurück, sobald er den Boden berührte. Herakles konnte ihn erst besiegen, als er ihn in die Luft hob – und ihm damit den Kontakt zum Boden nahm.

 

Die Botschaft: Regeneration ist keine Schwäche, sondern die Grundlage von Wirksamkeit.

 

Im Führungskontext wird Rückzug oft mit Rückzug aus Verantwortung verwechselt. Das ist ein Irrtum. Gemeint ist der bewusste Rückzug in sich selbst – in den eigenen Körper, in Stille, in Natur –, um von dort gestärkt zurückzukehren.

 

Das ist auch die Idee hinter den Coaching-Retreats am Ammersee, in Ludwigsburg und auf Kreta: kein Luxus, kein Urlaub mit Coaching-Etikett – sondern ein bewusst gestalteter Rückzug, der neue Handlungsfähigkeit ermöglicht.

 

Mehr dazu auf www.eraum.info.


 

Das Muster unter dem Muster: Wenn Bindung die Führung prägt

 

Oft steckt hinter den Projektionen, blinden Flecken und emotionalen Reaktionen im Beruf etwas Älteres: ein Bindungsmuster, das sich längst in den Führungsalltag eingeschrieben hat.

 

Die Führungskraft, die nie Anerkennung zeigen kann – weil sie selbst nie genug bekam. Der Manager, der bei Kritik sofort dichtmacht – weil früh gelernt wurde, dass Fehler gefährlich sind. Die Teamleiterin, die immer für alle da ist – weil sie Fürsorge als einzigen sicheren Weg zur Zugehörigkeit kennt.

 

Beziehungssicherheit aufbauen und NARM Coaching sind die Ansätze, mit denen ich in solchen Fällen arbeite – tiefer als klassische Verhaltensänderung, nachhaltiger als reine Kompetenzentwicklung.

 

Und wenn diese Muster nicht nur die Führungsbeziehung, sondern die Partnerschaft betreffen – oder wenn beides ineinandergreift – ist paarbeziehung-im-fokus.de der richtige Ort.


 

Was bleibt: Ganzheit statt Perfektion

 

Perls hatte keine wohlwollenden Worte für den Perfektionismus. Er sprach von Menschen, die gelernt hatten, „brav“ zu sein – und dabei einen Großteil ihrer Lebendigkeit verloren hatten. Die ihr böses Mädchen, ihren wilden Anteil, ihre Aggressivität, ihre Sexualität, ihre Kreativität abgespalten hatten – und sich fragten, warum das Leben sich so leer anfühlte.

 

Das Ziel der Gestaltarbeit ist nicht, einen perfekten Menschen zu erschaffen. Es ist, einen ganzen Menschen zu ermöglichen. Einen, der Zugang zu seinen verschiedenen Anteilen hat. Der seine blinden Flecken kennt – in der Führung wie im Leben. Der seine Projektionen erkennt, bevor sie Schaden anrichten. Der seine Gefühle als Informationsquelle nutzt, anstatt sie zu unterdrücken.

 

Das ist keine Therapie für Kranke. Das ist Entwicklung für Menschen, die mehr wollen, als zu funktionieren.

 

Genau das ist auch die Grundlage meiner Arbeit in der Persönlichkeitsentwicklung – ob im Einzelcoaching, im Teamkontext oder im intensiven Retreatformat.


 

Bereit, tiefer zu gehen?

 

Wenn dich dieser Artikel berührt hat – wenn du dich in einem Muster wiedererkannt hast, wenn eine Frage aufgetaucht ist –, dann lade ich dich ein: Lass uns darüber sprechen.

 

Ich begleite Führungskräfte, Teams und Einzelpersonen dabei, ihre blinden Flecken zu erkennen – im Coaching, in der Mediation, in intensiven Retreatformaten. Nicht durch Analyse. Sondern durch Erfahrung.

 


 

Inhaltliche Grundlage dieses Artikels bilden Konzepte der Gestalttherapie nach Fritz Perls. Die Übertragung in Führungs-, Beziehungs- und Entwicklungskontexte basiert auf langjähriger Praxis in Coaching und Mediation.


 

Unsere Leistungen im Business-Kontext finden Sie hier:

www.mhochx.com

Unsere Coaching-Retreats finden Sie hier:

www.eraum.info

Unsere Paarberatung und Paar-Mediation finden Sie hier:

www.paarbeziehung-im-fokus.de

 

Freundliche Grüße von

Menexia Kladoura und dem ganzen Team von M hoch x

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