Was deine frühen Beziehungen mit Konflikten im Job zu tun haben
Eine Führungskraft sitzt mir gegenüber. Intelligent, erfahren, reflektiert. Und trotzdem: Seit Monaten eskaliert dasselbe Konfliktmuster mit einem Teammitglied. Immer wieder dasselbe Drehbuch. Immer wieder dieselbe Ohnmacht danach.
Wenn ich solche Situationen begleite, schaue ich nie nur auf das, was gerade passiert. Ich schaue auch auf das, was darunter liegt. Auf die innere Landschaft, die jemand mitbringt – oft schon seit der Kindheit.
Eine aktuelle Studie aus der Neurowissenschaft gibt dieser Perspektive jetzt eine beeindruckende Forschungsgrundlage. Und ich möchte dir erklären, was das konkret für dich bedeutet – ob du eine Führungskraft bist, dich in einem schwierigen Konflikt befindest oder einfach verstehen möchtest, warum manche Beziehungsdynamiken sich hartnäckig wiederholen.
Was die Forschung zeigt – in einfachen Worten
Ein Forschungsteam um Anna Buchheim von der Universität Innsbruck hat 38 Studien mit insgesamt fast 2.800 Teilnehmenden ausgewertet. Die zentrale Frage: Wie hängt das, was wir in frühen Bindungsbeziehungen erlebt haben, damit zusammen, wie wir heute Gefühle wahrnehmen – bei uns selbst und bei anderen?
Das Ergebnis ist eindeutig: Die Art, wie wir als Kind Nähe, Sicherheit und Verbindung erlebt haben, prägt bis heute, wie gut wir eigene Emotionen spüren, benennen und verstehen können – und wie einfühlsam wir anderen begegnen.
Menschen mit sicheren frühen Bindungserfahrungen zeigen durchgängig eine höhere sogenannte Mentalisierungsfähigkeit – das ist die Fähigkeit, das eigene und das Verhalten anderer durch die Brille von Gefühlen, Absichten und inneren Zuständen zu verstehen. Die Studie findet dabei einen außergewöhnlich starken Zusammenhang: je sicherer die Bindungserfahrung, desto ausgeprägter diese Fähigkeit.
Menschen mit unsicheren oder unverarbeiteten Bindungserfahrungen hingegen haben häufiger Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle überhaupt zu spüren (Fachbegriff: Alexithymie), geraten schneller in emotionale Überflutung oder Taubheit – und finden es schwerer, sich in andere hineinzuversetzen, ohne dabei die Orientierung zu verlieren.
Impathy – das Wort, das weniger bekannt ist
Die Studie unterscheidet zwei Formen der Gefühlswahrnehmung, die ich für meine Arbeit sehr treffend finde:
Empathie – die Fähigkeit, Gefühle anderer zu wahrzunehmen und zu verstehen. Das kennen die meisten.
Impathie – die Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, einzuordnen, anzunehmen und zu verstehen. Das ist die Innenperspektive von Empathie.
Was die Forschung zeigt: Wer sich selbst schlecht spüren kann, hat auch Schwierigkeiten, andere wirklich zu spüren. Impathie ist gewissermaßen die Voraussetzung für Empathie – nicht umgekehrt.
Das erklärt etwas, das ich in meiner Arbeit regelmäßig erlebe: Menschen, die als besonders empathisch gelten, erschöpfen sich manchmal daran, weil sie auf die Gefühle anderer sehr sensibel reagieren – ohne gleichzeitig einen guten Zugang zu den eigenen zu haben. Die Grenze zwischen sich selbst und dem anderen wird diffus.
Was das mit Führung, Konflikten und Beziehungen zu tun hat
In Führungssituationen
Führung ist immer auch Beziehungsarbeit. Wer ein Team führt, ist ständig mit Erwartungen, Enttäuschungen, Spannungen und unausgesprochenen Dynamiken konfrontiert. Die Fähigkeit, dabei innerlich klar zu bleiben – zu spüren, was gerade in einem vorgeht, ohne davon überflutet oder abgeschnitten zu sein – ist keine weiche Kompetenz. Sie ist der Kern von Führungsfähigkeit.
In meiner Begleitung von Führungskräften erlebe ich häufig, dass Konflikte im Team etwas aktivieren, das schon viel länger da ist: ein Muster aus früh erlernten Strategien. Jemand zieht sich zurück und wirkt kühl (Distanzierung als Schutzmuster). Jemand anderes kämpft unverhältnismäßig stark (Überaktivierung als Schutzmuster). Beides sind Reaktionen, die in einem bestimmten Kontext einmal Sinn ergeben haben.
Wenn du verstehen möchtest, warum sich Führungssituationen für dich immer wieder ähnlich anfühlen, lohnt sich ein Blick auf wiederholende Muster in Führung und Beziehungen – und was das Konzept der unverarbeiteten Situationen darüber verrät.
In Konflikten
Konflikte eskalieren selten wegen des sachlichen Inhalts. Sie eskalieren, weil irgendjemand – manchmal alle Beteiligten gleichzeitig – in einem alten Überlebensmuster feststeckt. Dann ist nicht mehr die Gegenwart der Maßstab, sondern eine innere Vorlage aus der Vergangenheit.
Die Forschung zeigt: Wer unsichere Bindungserfahrungen gemacht hat, neigt dazu, in emotional aufgeladenen Situationen entweder zu viel zu fühlen (und überwältigt zu werden) oder zu wenig (und abzuschalten). Beide Reaktionen machen konstruktive Konfliktlösung nahezu unmöglich – nicht weil die Person es nicht will, sondern weil das Nervensystem keine andere Wahl lässt.
Das erklärt, warum Frühwarnsignale von Konflikten so wichtig sind – und warum ich in meiner Arbeit immer auch auf das schaue, was unterhalb der Oberfläche passiert.
In Beziehungen generell
Die Studie zeigt auch, dass diese Muster weitergegeben werden. Eltern mit sicherer Bindung können besser mentalisieren – und ihre Kinder entwickeln dadurch ebenfalls stabilere Bindungserfahrungen. Das ist keine Schicksalsfrage, sondern ein Lernprozess. Was einmal geprägt wurde, kann sich verändern.
Mentalisierung – was steckt dahinter?
Mentalisierung ist die Fähigkeit, sich selbst und andere als Wesen mit einer Innenwelt zu sehen: mit Gefühlen, Absichten, Gedanken, Missverständnissen.
Es ist die Fähigkeit zu fragen: Was bewegt mich gerade wirklich? Was könnte in dem anderen vorgehen? Wie sehe ich die Situation – und ist das die einzige Möglichkeit, sie zu sehen?
In der Studie ist Mentalisierung der stärkste untersuchte Faktor – mit einer bemerkenswert großen Korrelation zur Bindungssicherheit. Das überrascht mich nicht. Mentalisierung ist genau das, was in eskalierenden Konflikten zuerst zusammenbricht – und genau das, was in Coaching und Mediation wieder aufgebaut werden kann.
Ich arbeite mit diesem Prinzip im Gestalt-Coaching: Wahrnehmung schärfen, Muster erkennen, den Kontakt zur eigenen inneren Erfahrung wiederherstellen – und von dort aus handlungsfähig werden.
Was das für meine Begleitung bedeutet
Diese Forschungsergebnisse bestätigen etwas, das meine Arbeit seit Jahren trägt: Veränderung geschieht nicht durch mehr Wissen oder bessere Techniken allein. Sie geschieht, wenn Menschen wieder Zugang zu sich selbst finden.
Das gilt im Einzelcoaching genauso wie in der Mediation. Wenn ich in einem Konfliktgespräch spüre, dass jemand nicht mehr bei sich ist – abgeschnitten, überflutet, starr – dann ist das der Moment, in dem wir innehalten müssen. Nicht um noch mehr zu erklären, sondern um erst einmal wieder anzukommen.
Das ist keine Schwäche. Das ist menschliche Neurobiologie.
Einige konkrete Ansätze, mit denen ich arbeite:
Wenn du merkst, dass du in Konflikten immer wieder dasselbe Muster erlebst, lohnt sich der Blick auf die eigenen Bindungs- und Überlebensmuster – zum Beispiel im IntrovisionCoaching, das genau bei diesen tief verankerten inneren Alarmsystemen ansetzt.
Wenn du als Führungskraft spürst, dass deine Reaktionen manchmal unverhältnismäßig sind, ist das oft ein Hinweis auf aktivierte alte Muster – kein Versagen, sondern ein Einstiegspunkt. Mehr dazu im Führungscoaching.
Wenn du generell besser verstehen möchtest, wie Projektion, blinde Flecken und emotionale Reaktivität zusammenhängen, findest du hier einen direkten Einstieg: Blinde Flecken in Führung und Coaching.
Wenn dich psychische Gesundheit als Thema interessiert – nicht als Diagnosekategorie, sondern als gelebte Praxis von Denken, Fühlen, Körper und Handeln –, schau gerne in den Artikel Psychische Gesundheit und Mental Health.
Was ich dir mitgeben möchte
Bindungserfahrungen sind keine Entschuldigungen für das, was wir tun. Aber sie sind Erklärungen – und damit Einladungen.
Wenn du in Konflikten immer wieder an dieselbe Wand stößt, wenn Führung sich erschöpfender anfühlt als sie sollte, wenn Beziehungen – beruflich wie privat – in alten Schienen feststecken: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Nicht um die Vergangenheit aufzuwärmen, sondern um in der Gegenwart freier zu werden.
Denn das, was die Forschung zeigt, bestätigt: Die Fähigkeit zu mentalisieren, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und andere wirklich zu sehen, ist keine festgelegte Eigenschaft. Sie kann sich entwickeln. In Beziehungen, in Begleitung, im Prozess.
Genau dafür bin ich da.
Menexia Kladoura ist Coach, Mediatorin und Paarberaterin in Ludwigsburg. Sie begleitet Führungskräfte, Teams und Einzelpersonen in Konflikten, Lebensumbrüchen und Entwicklungsprozessen. Sie arbeitet systemisch, achtsamkeitsbasiert und psychodynamisch – u.a. mit NARM, IntrovisionCoaching und Gestalttherapie-Ansätzen. Ihr Ziel: Tiefgang, der im Alltag trägt.
Mehr erfahren: mhochx.com
Quellhinweis: Dieser Artikel basiert auf: Eilert, D. W., Mensah, P. & Buchheim, A. (2026). The Dual Facets of Emotion Perception in Adult Attachment Representations: A Systematic Review on Impathy and Empathy. Brain Sciences, 16(6), 651. https://doi.org/10.3390/brainsci16060651
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Freundliche Grüße von
Menexia Kladoura und dem ganzen Team von M hoch x



