Emotionen im Führungsalltag werden oft falsch gelesen – und noch öfter falsch bekämpft. Du sitzt im Gespräch, jemand überschreitet eine Grenze zum wiederholten Mal, und du reagierst auf eine Art, die du hinterher bereust. Oder du verlässt das Meeting erschöpft und irgendwie leer, ohne genau zu wissen, warum.
Was wäre, wenn das Problem nicht deine Reaktion ist – sondern dass du nicht weißt, was du eigentlich fühlst?
Zwei Arten von Emotionen im Führungsalltag – und warum der Unterschied zählt
NARM macht eine Unterscheidung, die auf den ersten Blick einfach klingt, aber tiefgreifende Konsequenzen hat: die zwischen primären Emotionen und Standardemotionen.
Primäre Emotionen sind authentische, spontane Reaktionen auf echte Bedürfnisse. Sie mobilisieren uns. Wut ist primär, wenn sie als Protest gegen etwas entsteht, das wir wirklich anders haben wollen. Trauer ist primär, wenn sie uns erlaubt, einen Verlust zu verarbeiten und wieder in Kontakt mit dem Leben zu kommen.
Standardemotionen entstehen, um uns vor dem Fühlen der primären Emotionen zu schützen. Sie sind nicht unecht – aber sie sind Gewohnheit. Sie führen uns in vertrautes Terrain, anstatt uns voranzubringen. Sie verstärken das, was NARM „kindliches Bewusstsein“ nennt: den Zustand, in dem alte Überlebensmuster das Steuer übernehmen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Was fühle ich? – sondern: Führt das, was ich fühle, zu mehr Verbindung mit mir selbst und anderen – oder zu mehr Trennung?
Emotionen im Führungsalltag: Wut ist keine Aggression, Trauer ist keine Depression
Hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis – und einer der Hauptgründe, warum Menschen in Führung, in Konflikten und in Krisen so oft aneinander vorbeireden.
Wut und Aggression sind nicht dasselbe. Aggression ist ein Ausagieren – ein Verhalten, das verletzt, bestraft oder schädigt. Wut hingegen ist ein energetisch lebendiger Zustand. Sie ist Protest. Sie mobilisiert. Sie sagt: Hier läuft etwas gegen mein Bedürfnis – ich will, dass sich das ändert.
In den meisten beruflichen Kontexten wurde uns beigebracht, Wut zu unterdrücken. Das Ergebnis: Die Energie bleibt im Körper stecken – als Anspannung, als Erschöpfung, als chronische innere Unruhe. Oder sie bricht irgendwann unkontrolliert heraus, weil das System nicht mehr halten kann.
Trauer und Depression sind ebenfalls nicht dasselbe. Depression ist ein kollabierter energetischer Zustand – sie hält uns in unverarbeiteten Gefühlen gefangen. Trauer hingegen ist, obwohl schmerzhaft, ein lebendiger Zustand. Sie ermöglicht Verarbeitung und unterstützt die Wiederverbindung mit dem, was wirklich wichtig ist.
Und: Angst und Furcht sind zwei verschiedene Dinge. Furcht reagiert auf eine reale, externe Bedrohung – sie löst Kampf, Flucht oder Erstarren aus. Angst ist eine Reaktion auf eine innere Bedrohung des Selbst. Sie ist ein Signal – ein Hinweis darauf, dass etwas Ungelöstes aktiviert wurde. Angst zu bekämpfen, ohne zu verstehen, was sie signalisiert, ist wie das Abschalten eines Feuermelders, ohne nach dem Feuer zu schauen.
Das Kerndilemma: Ich brauche, was ich fürchte
Es gibt eine besondere Dynamik, die NARM als Kerndilemma beschreibt. Sie entsteht, wenn ein grundlegendes Bedürfnis – nach Kontakt, nach Vertrauen, nach Verbindung – durch frühe Erfahrungen bedrohlich geworden ist.
Das klingt so: „Ich brauche Kontakt, aber es fühlt sich zu bedrohlich an, wirklich in Kontakt zu gehen.“ Oder: „Ich möchte Vertrauen, Nein sagen, Grenzen setzen – aber ich habe Angst, dass mich dann niemand mehr mag.“
In Führungskontexten zeigt sich das so: Eine Führungskraft wünscht sich echte Offenheit im Team. Jedes Mal, wenn das Team ehrlich ist und kritisches Feedback gibt, reagiert sie mit Rückzug oder Abwehr. Nicht weil ihr das Feedback egal wäre – sondern weil Offenheit im Nervensystem an alte Bedrohungserfahrungen geknüpft ist. Was sie sich am meisten wünscht, ist das, wovor sie sich am meisten schützt.
Das Kerndilemma zu erkennen – bei sich selbst und bei anderen – verändert, wie man Konflikte und Beziehungen versteht. Mehr dazu, wie Überlebensmuster in Teams sichtbar werden: NARM-Überlebensmuster in Führung und Teams → (sobald online)
Wenn der Körper die Besprechung für einen Kampf hält – Polyvagal-Theorie
Der Körper ist kein passiver Beobachter von Emotionen im Führungsalltag. Er ist die Emotion – noch bevor der Verstand versteht, was gerade passiert.
Die Polyvagal-Theorie, entwickelt von Stephen Porges, beschreibt drei Zustände des Nervensystems:
Das ventrale Vagussystem – der Zustand des sozialen Engagements. Hier fühlen wir uns sicher, verbunden, neugierig, offen. Wir können zuhören, Kontakt halten, flexibel denken. In diesem Zustand ist Führung möglich.
Das sympathische Nervensystem – der Zustand der Mobilisierung. Kampf oder Flucht. Herzrasen, Anspannung, Tunnelblick. Perfekt zum Überleben in akuter Gefahr – und kontraproduktiv in jedem Gespräch, das Vertrauen und Nuancen erfordert.
Das dorsale Vagussystem – der Zustand des Einfrierens, der Betäubung, der Dissoziation. Das System schaltet ab, wenn Kampf oder Flucht keine Option sind. In Meetings äußert sich das als innere Abwesenheit, Teilnahmslosigkeit, das Gefühl, „nicht wirklich da zu sein“.
Wenn jemand in einer Besprechung plötzlich aggressiv wird, schweigt oder zu allem zustimmt – das ist keine Entscheidung. Das ist Physiologie. Das Nervensystem hat die Situation bewertet und entsprechend reagiert, oft bevor der Verstand überhaupt weiß, was passiert.
Das Ziel der NARM-Arbeit ist es, Übergänge zurück in den ventralen Vaguszustand zu unterstützen – in den Zustand, aus dem heraus Verbindung, Kooperation und echte Führung möglich werden. Mehr dazu: Coaching gegen Stress und Überlastung → und Krisenkompetenzen stärken →
Geerbte Muster: Transgenerationales Trauma im Führungskontext
Es gibt noch eine Ebene, die in Führungs- und Teamkontexten selten besprochen wird: Nicht alle Muster, die wir tragen, haben wir selbst erlebt.
Transgenerationales Trauma bezeichnet die Übertragung unverarbeiteter Erfahrungen von einer Generation zur nächsten – durch Erziehungsmuster, emotionale Atmosphäre in der Familie, kulturelle Prägungen und, wie die Epigenetik zeigt, sogar über biologische Mechanismen: Umwelteinflüsse beeinflussen, wie Gene „an-“ oder „ausgeschaltet“ werden, und diese Muster können an Nachkommen weitergegeben werden.
Was das praktisch bedeutet: Eine Führungskraft, die in einer Familie aufgewachsen ist, in der Konflikte durch Schweigen geregelt wurden, trägt dieses Muster – oft unbewusst. Sie hat es nicht selbst gewählt, sie hat es gelernt, weil es damals das Sicherste war. Und es lebt weiter in Teamsitzungen, in Feedbackgesprächen, in Gehaltsverhandlungen.
Das macht das Muster nicht unveränderlich. NARM betont: Die Übertragung von Trauma bedeutet keine bleibenden Schäden – und so wie unverarbeitetes Trauma weitergegeben wird, wirkt sich auch die Verarbeitung auf nachfolgende Generationen aus. Die Arbeit an sich selbst ist damit nie nur persönlich.
Desidentifikation: Freiheit von alten Identitäten im Führungsalltag
Das ist vielleicht der kraftvollste Begriff aus dem NARM-Rahmen: Desidentifikation.
Wir identifizieren uns mit unseren Mustern. „Ich bin eben so jemand, der sich nicht traut, direkt Nein zu sagen.“ „Ich bin halt jemand, der Konflikte meidet.“ Diese Aussagen fühlen sich wahr an – weil das Muster so lange da ist, dass es sich wie Persönlichkeit anfühlt.
NARM stellt das in Frage. Diese Identifikationen sind nicht unser Kern. Sie sind Anpassungen, die entstanden sind, um uns zu schützen – und die durch Wiederholung zur Identität wurden.
Desidentifikation meint: das Loslösen von diesen Anpassungen – nicht durch Bekämpfen oder Verleugnen, sondern durch das Verstehen ihrer Funktion. Das ist kein intellektueller Prozess. Es geschieht im Körper, in der Beziehung, im gegenwärtigen Moment.
Das Ergebnis: weniger innerer Lärm, weniger Widerstand, mehr Freiheit – nicht weil die äußere Situation sich verändert hätte, sondern weil sich die innere Organisation verändert hat.
„Je leiser du wirst, desto mehr kannst du hören.“ – Ram Dass
Dazu: Gelassener werden mit Coaching → und Innere Sicherheit gewinnen, Selbstzweifel entmachten →
Drei konkrete Orientierungspunkte für Emotionen im Führungsalltag
1. Unterscheide zwischen der Emotion und dem Verhalten. Wut zu fühlen bedeutet nicht, explodieren zu müssen. Trauer zu spüren bedeutet nicht, handlungsunfähig zu werden. Die Emotion halten zu können – ohne sofort zu reagieren oder sie wegzudrücken – ist die Grundlage für klare Kommunikation auch in angespannten Situationen.
2. Frage: Was signalisiert mir meine Angst? Nicht: Wie werde ich die Angst los? Sondern: Was ist das Ungelöste, auf das sie mich hinweist? Das verschiebt den Fokus von Symptombekämpfung zu echter Erkundung.
3. Erkenne, wann du im alten Muster bist. Wenn ein Gespräch dich in einen Zustand bringt, in dem dein Denken eng wird und du Dinge tust, die du danach bereust: Das ist ein Hinweis, dass das Nervensystem in ein altes Muster gerutscht ist. Die Antwort ist nicht Selbstkritik – sondern Neugier. Was wurde aktiviert? Was braucht gerade Aufmerksamkeit?
Emotionale Vervollständigung: Wenn Fühlen keine Gefahr mehr ist
NARM verwendet den Begriff emotionale Vervollständigung für den Prozess, in dem ungelöste Emotionen nicht mehr abgewehrt werden müssen – sondern zugelassen, gehalten und integriert werden können.
Das ist keine Katharsis. Es geht darum, die Energie einer primären Emotion zu halten – präsent zu bleiben, ohne einzufrieren oder zu explodieren. Das Ergebnis: Die Emotion hat keine Macht mehr über das Verhalten. Sie wird zu Information, nicht zu Bedrohung. Das ist der Unterschied zwischen jemandem, der von seiner Wut überwältigt wird, und jemandem, der wütend ist – und trotzdem klar spricht, klare Grenzen setzt, und den Kontakt hält.
„Heilung entsteht, wenn man allem Raum gibt: Raum für Trauer, für Erleichterung, für Leiden, für Freude.“ – Pema Chödrön
Coaching statt Workshop: Warum Konzepte allein nicht helfen
Die Inhalte dieses Artikels kommen aus dem klinischen Rahmen von NARM. Ich arbeite als Coach und Mediatorin, nicht als Therapeutin – und ich übersetze diese Konzepte in den Coaching-Kontext.
Was das bedeutet: Ich schaue mit Führungskräften und Menschen in herausfordernden Situationen auf das, was unter dem Verhalten liegt. Ich begleite dabei, mehr Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen – nicht durch neue Verhaltenstechniken, sondern durch tieferes Verstehen der eigenen Reaktionen.
Das ist anspruchsvoller als ein Kommunikations-Workshop. Und nachhaltiger.
→ NARM-Coaching – Überlebensstrategien erkennen und verändern → → IntrovisionCoaching – innere Blockaden lösen → → Konfliktcoaching für Führungskräfte → → Erstgespräch & Kontakt →
Kurz zusammengefasst
Emotionen im Führungsalltag richtig einzuordnen ist keine Soft-Skill-Übung – es ist eine neurobiologische Notwendigkeit. NARM unterscheidet zwischen primären Emotionen, die authentische Signale echter Bedürfnisse sind, und Standardemotionen, die als Schutz vor dem Eigentlichen entstehen. Wut ist keine Aggression. Trauer ist keine Depression. Angst ist kein Defekt – sie ist ein Hinweis.
Wer lernt, Emotionen im Führungsalltag zu halten statt zu unterdrücken oder auszuagieren, gewinnt Handlungsfähigkeit zurück – in Konflikten, in Teamsituationen, und gegenüber sich selbst.
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Menexia Kladoura ist seit mehr als 15 Jahren Coach, Mediatorin und Führungskräfte-Begleiterin in Ludwigsburg. Sie arbeitet systemisch, achtsamkeitsbasiert und psychodynamisch – u.a. mit NARM, IntrovisionCoaching und Gestalttherapie-Ansätzen. Ihr Ziel: Tiefgang, der im Alltag trägt.
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Menexia Kladoura und dem ganzen Team von M hoch x



